В.И. Вернадский

Ganzheitliche wissenschaftliche Konzepte zum Verhältnis von Mensch und Natur

Marco Bischof

Das neue Bild der Erde

Parallel zum mechanistischen Weltbild entwickelten sich auch wissenschaftliche Konzepte von einer lebendigen Erde. Marco Bischof zeichnet den Weg von den ersten ganzheitlichen Ideen in der Geologie vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur spirituellen Ökologie der Gegenwart nach.

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FOCUS: NATUR NEU VERSTEHEN

Im Lauf des 20. Jahrhunderts hat im Verhältnis des Menschen zur Natur eine grundlegende Wandlung in Richtung Ganzheit­lichkeit stattgefunden, die im allgemeinen Bewusstsein noch nicht ganz aufgenommen worden ist, jedoch in einer Reihe von neueren wissenschaftlichen Denkrichtungen und Disziplinen ihren Ausdruck gefunden hat. Einige dieser Konzepte stelle ich im Fol­genden vor, wobei ich zunächst die Entwicklung eines ganzheit­licheren Bildes von Natur, Umwelt und Erde schildern werde, die zu einer Wandlung der Vorstellungen über die materiellen Aspek­te von Erde und Umwelt führte. Anschließend möchte ich zeigen, wie heute als Konsequenz dieses ökologischen Weltbilds auch eine (Wieder-)Einbeziehung des Subjektiven und damit eine fundamen­tale Revolution des wissenschaftlichen Weltbildes im Gange ist.

Die Ökologie als wissenschaftlicher Zweig der Biologie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von dem deutschen Biologen Ernst Hae­ckel (1834–1919) begründet. Ursprünglich Mediziner, war Haeckel später Zoologe und Naturphilosoph geworden und ist vor allem als der wichtigste Verfechter von Darwins Evolutionstheorie und eigentlicher Begründer des „Darwinismus“ bekannt geworden. Er prägte 1866 den Begriff Ökologie und definierte ihn wie folgt:

„Unter Ökologie verstehen wir die gesamte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt, wozu wir im weitesten Sinne alle Existenzbedingungen rechnen können“ (Haeckel 1866).

Haeckel unterschied organische und anorganische Existenzbe­dingungen. Zu den ersteren zählte er die Beziehungen zu den übri­gen Organismen, die ihm als Nahrung dienen und solchen, die als Parasiten auf ihm leben. Als anorganische Existenzbedingungen erwähnte er physikalische und chemische Eigenschaften des Wohn­orts eines Organismus, Klima, Licht, Wärme, Feuchtigkeits- und elektromagnetische Verhältnisse der Atmosphäre, anorganische Nahrungsmittel und die Beschaffenheit des Bodens.

Der bekannte Tiefenökologe Aldo Leopold hat einmal gesagt, die größte Entdeckung des 20. Jahrhunderts seien nicht Radio oder Fernsehen, sondern die Erkenntnis, dass die Erde als extrem kom­plexes System organisiert sei. Am bekanntesten wurde diese Er­kenntnis unter dem Namen „Gaia-Theorie“ durch die Arbeiten von James Lovelock und Lynn Margulis. Als Begründer einer solchen organischen Auffassung der Erde muss aber, wie Lovelock sagt, der berühmte schottische Naturforscher und Geologe James Hut­ton (1726–1797) betrachtet werden (Joseph 1990). Er lehrte, dass die Kruste der Planeten nicht eine rigide, kristalline Struktur, son­dern eine sich langsam bewegende, flüssig-dynamische Struktur sei. Für ihn war die Erde ein Superorganismus, den man im Rah­men einer Physiologie studieren müsse. Hutton verglich die Zirku­lation der Nährstoffe im Erdboden und die Bewegung des Wassers von den Ozeanen zum festen Land mit der Zirkulation des Blutes. Doch Huttons Ideen zur lebenden Erde wurden zu seiner Zeit nicht aufgegriffen, da damals in der Wissenschaft gerade jene schnel­le Entwicklung und Spezialisierung einsetzte, die ihre letzten 150 Jahre gekennzeichnet haben.

Die Biosphäre

Eine Schlüsselrolle in der weiteren Entwicklung sollte das Konzept der „Biosphäre“ spielen (Lapo 1987), das auf den russischen Geo­chemiker Wladimir I. Wernadskij zurückgeht. Ohne diesen Begriff selbst zu verwenden, kam der große französische Zoologe und Bo­taniker Jean-Baptiste Lamarck (1744–1829) diesem Konzept bereits sehr nahe. Im vierten Kapitel seines Werks „Hydrogéologie“ (Paris 1802) schrieb er: „Komplexe mineralische Substanzen aller Arten, die die äußere Kruste der Erde bilden, in der Form individueller Ak­kumulationen, Erzvorkommen, paralleler Schichten usw. vorkom­men und Niederungen, Hügel, Täler und Berge bilden, sind aus­schließlich Produkte der Tiere und Pflanzen, die in diesen Gebieten der Erdoberfläche gelebt haben.“ Lamarck schrieb diese propheti­schen Worte fünfzig Jahre bevor die Wissenschaft begann, durch mikroskopische Studien von Gesteinen Beweise für diese Auffas­sung bereitzustellen.

Ein weiterer Pionier, der half, vor Wernadskij die Grundlagen un­seres heutigen Verständnisses von der Biosphäre zu legen, war der bedeutende und vielseitige deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt (1769–1859), der auch als erster Wissenschaftler die Erde als Ganzes betrachtete. Er entwickelte diesen Standpunkt in seinem Werk „Kosmos“ (1845–1862), wo wir lesen können, dass Leben überall auf der Erde präsent sei (er spricht von der „Allbelebung“ der Erde) und dass es untrennbar mit der anorganischen Welt ver­bunden sei, eine zu seiner Zeit außerordentliche Idee. Humboldt verwendete auch einmal den Begriff „Lebenssphäre“, allerdings ohne wieder darauf zurückzukommen.

1875 führte der österreichische Geologe Eduard Suess (1831–1914), Professor an der Universität Wien und im 19. Jahrhundert einer der führenden Vertreter seines Fachs, in seinem Buch über die geologische Struktur der Alpen (Suess 1875) das Konzept einer von der anorganischen Erdmasse getrennten „Biosphäre“ ein. Suess schrieb dort: „Eines scheint diesem riesigen Himmelskörper, der aus einer Reihe von Sphären besteht, fremd zu sein, nämlich organi­sches Leben (…). Auf der Oberfläche der Kontinente kann man eine eigenständige Biosphäre ausmachen (…).“ Suess, der damit auch als einer der ersten unseren Heimatplaneten aus einer kosmischen, von außen gesehenen Perspektive betrachtete, prägte gleichzeitig zwei weitere Begriffe, „Hydrosphäre“ und „Lithosphäre“, in Analo­gie zum Begriff „Atmosphäre“, der sich bereits in der Literatur ein­gebürgert hatte. Suess gab allerdings keine Definition des Begrif­fes der Biosphäre; das sollte seinem großen Nachfolger Wernadskij vorbehalten bleiben. Von da an tauchte der Begriff der Biosphäre immer wieder vereinzelt in der Literatur auf, doch jeder Autor in­terpretierte ihn wieder anders.

Wernadskijs unmittelbarer Vorläufer in der Entwicklung des Bio-sphären-Konzepts war sein Lehrer Wassilij Wassiljewitsch Dokut­schajew (1846–1903), der Begründer der naturwissenschaftlichen Bodenkunde (Pedologie). Dokutschajew schrieb in seinem Werk „Über die Lehre von den Zonen der Natur“ (1898), dass die Natur-wissenschaften sich nach ihren großen Fortschritten im Studium von Einzelobjekten auf deren Beziehungen zwischen Kräften, Kör­pern und Phänomenen, zwischen der unbelebten und der lebenden Natur konzentrieren sollten. Dokutschajew hatte sich auf die Erfor­schung des Bodens spezialisiert, den er als eigenständiges viertes Naturreich neben Mineralien, Pflanzen und Tieren betrachtete, und hatte gezeigt, dass dessen Eigenschaften durch die Wechselwirkung zwischen biogenen und abiogenen Faktoren bestimmt werden.

Die Lehre von der Biosphäre nach Wernadskij

Der russische Geologe, Mineraloge und Begründer der Biogeoche­mie, Wladimir Iwanowitsch Wernadskij (1863–1945), eine der füh­renden intellektuellen Figuren im Russland des 20. Jahrhunderts, nahm Eduard Suess’ Konzept der Biosphäre ab etwa 1914 auf und gab ihm eine präzise quantitative und qualitative Bedeutung. Die Biosphäre ist nach Wernadskij jener Bereich auf unserem Planeten, in dem Leben existiert, d.h. die „Lebenssphäre“ oder „Lebens-Hülle“ der Erde. In seinem Buch „Die Biosphäre“ (1926) finden wir folgen­de Definition: „Die Biosphäre kann als jener Bereich der Erdkruste bezeichnet werden, der von Transformern eingenommen wird, die kosmische Strahlung in wirkungsvolle terrestrische Energie, d.h. elektrische, chemische, mechanische, thermische usw. Energie um­wandeln.“ Alle Lebewesen, auch der Mensch, sind solche Transfor­mer; jedes Lebewesen ist untrennbar mit allen anderen Lebewesen verflochten. Die Biosphäre wiederum ist mit der Lithosphäre, der Atmosphäre und dem Kosmos ebenso verflochten und verbunden. Wernadskij zeigte als Geochemiker, wie die verschiedenen chemi­schen Elemente in der Erdkruste verteilt sind, durch sie hindurch wandern und sich in den Minerallagerstätten anreichern. Er wurde zum Begründer der „Biogeochemie“, indem er nachwies, dass das

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Die Satellitenaufnahme zeigt Wolkenbildungen über den Gletschern des Skaftafell-Nationalparks in Island.

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Leben nicht nur die Erdkruste bis in die fernsten Ecken und Tiefen durchdringt und überall präsent ist, z.B. in heißen Quellen, ewi­gem Schnee und Permafrost, in wasserlosen Wüsten und stark salzhaltigen Seen, sondern so­gar der bestimmende Faktor der ständigen geologischen Umfor­mung und Umwandlung der Erdoberfläche ist.

Die Biosphäre hat eine Schlüs-selstellung zwischen Kosmos und Atmosphäre einerseits und Hydrosphäre und Lithosphäre andererseits inne, und zwar we­gen einiger besonderer Eigen­schaften des „geologischen Fak­tors Leben“:

! Lebende Materie ist enorm energiereich; in der inorganischen Welt besitzt nur flüssige Lava eine vergleichbare freie Energie.

! In Lebewesen laufen chemische Reaktionen tausendmal, manch­mal Millionen Mal schneller, unter weniger strengen Bedingungen (niedrigere Temperatur etc.) und mit größerer Präzision ab als in nicht lebender Materie.

! Die chemischen Verbindungen, aus denen die Organismen auf­gebaut sind (Proteine, Hormone, Enzyme, Mineralien etc.) sind nur in lebenden Organismen stabil.

! Lebende Materie zeichnet sich durch spontane Bewegung und die Tendenz zur maximalen Ausbreitung aus, passiv durch Ver­mehrung und aktiv durch zielgerichtete Verbreitung; lebende Orga­nismen breiten sich schnell aus und neigen dazu, jeden möglichen Platz auszufüllen; Wernadskij nannte dies „Lebensdruck“.

! Lebende Materie zeigt eine bedeutend größere morphologische und chemische Vielfalt als die nicht lebende.

! Lebende Materie ist in der Biosphäre in Form verteilter Einzel­organismen präsent; die Minimal- (20 Nanometer, kleinste Viren) und die Maximaldimensionen (100 m, Wale, Sequoia-Bäume) der Organismen sind durch die Möglichkeit des Stoffwechsels mit dem Lebensmedium (Luft, Wasser) begrenzt.

! Lebende Materie kommt nie in morphologisch reiner Form (d.h. als Populationen einer einzigen Spezies) vor, sondern immer in Form von Lebensgemeinschaften verschiedener Spezies.

! Das „Redi-Prinzip“ – „alles Leben kommt von Leben“ – ist ein Charakteristikum der lebenden Materie. Leben existiert in Form ei­ner kontinuierlichen, genetisch verbundenen Generationenfolge.

! Leben ist einem evolutionären Prozess unterworfen; die Vermeh­rung erfolgt nicht durch exaktes Kopieren vorhergehender Gene­rationen, sondern durch morphologische und biochemische Muta­tionen, die manchmal sehr langsam und manchmal schneller (im geologischen Sinne) ablaufen.

! Die Masse der Materie, die von lebenden Organismen chemisch umgesetzt wird, übersteigt diejenige der Organismen selbst um ein Vielfaches.

Wernadskij wies immer wieder auf das Eingebundensein allen Lebens in planetare und kosmische Zusammenhänge und auf die zentrale Rolle der Sonnenenergie für das irdische Leben hin. So hat er bereits vorgedacht, was sein jüngerer Kollege Ervin Bauer (1890–1942) 1920 und 1935 ausformulierte, dass nämlich die Biosphäre ein dynamisches System im thermodynamischen Nichtgleichge­wicht sei, das durch den Zufluss von Sonnenenergie und die Arbeit, die Lebewesen leisten, stabilisiert wird. Auch die fundamentale Er­kenntnis der späteren Gaia-Theorie, dass die Biosphäre ein kyber­netisches System ist, das die Eigenschaft der Selbstregulation (Ho­möostase) besitzt, wurde von Wernadskij vorausgesehen. So sprach er von der „Geordnetheit der Biosphäre“, als deren Ausdruck er u.a. die Existenz eines Ozonschildes über der Biosphäre betrachtete, der die für das Leben schädliche UV-Strahlung absorbiert. Wernads­kij erkannte auch die zentrale Funktion elektromagnetischer Felder in den Regulations-Zu­sammenhängen der Biosphäre. Damit schuf er die Grundlage für eine ganzheitliche Theorie der Rolle bioelektromagneti­scher Felder in Lebewesen.

Wernadskij verstand die Wis­senschaft als ein ganzheitliches, in-terdisziplinäres Unternehmen. Es genüge nicht, die Lebenser­scheinungen allein mit ihren materiellen und energetischen Eigenschaften zu beschreiben; künftige Wissenschaftler wür­den das Konzept der lebenden Materie um zusätzliche Faktoren erweitern, wie z.B. um den Fak­tor „Information“. In diesem Zusammenhang steht auch ein wei­terer, letzter Aspekt von Wernadskijs Arbeit: die Einführung des Konzepts der „Noosphäre“.

Die Noosphäre

Der Begriff der Noosphäre wurde 1922 in Paris geprägt; der fran­zösische Philosoph und Mathematiker Edouard Le Roy (1870–1954) schlug ihn zur Kennzeichnung von Wernadskijs Vorstellungen vor, als er zusammen mit dem befreundeten Jesuiten, Geologen und Paläontologen Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955) Wernads­kijs Vorlesungen über Geochemie an der Sorbonne besuchte (Lapo 1987; Levit 2000, 2002). Le Roy vertrat die Auffassung, dass die biologische Evolution abgeschlossen sei und mit dem Auftreten des Menschen eine neue, spirituelle Phase der Evolution begonnen habe, die zur Ausprägung einer weiteren Lebenssphäre führe. Die zwei unorthodoxen katholischen Denker diskutierten die neue wis­senschaftliche Idee der Biosphäre und entwickelten zusammen mit Wernadskij in Paris das Konzept der Noosphäre (Grinevald 1996). Allerdings unterschieden sich die Noosphäre-Konzepte Wernads­kijs und Teilhards in wichtigen Punkten (Levit 2000, 2002). Beide betrachteten das Leben auf der Erde als eine Art Superorganismus, dessen Entwicklung in der Ausbildung von reflexivem Bewusstsein gipfelten, und beide waren überzeugt, dass die Wissenschaft eine zentrale Rolle in der Ausbildung und Entwicklung der Noosphä­re spielt. Die Differenzen zwischen ihren Konzepten begannen je­doch bereits in ihrer Auffassung der Biosphäre. Während Wernad­skij z.B. eine undurchdringliche Trennung zwischen den Bereichen der lebenden und der nicht lebenden Materie annahm, sah Teilhard keinen solchen klar definierten Unterschied.

Teilhard hielt die Noosphäre für eine eigene, zusätzliche „den­kende Schicht“, die durch die Bewusstseinsprozesse entstehe: eine „neue Hülle“ neben der Biosphäre, die „sich seit ihrer Entstehung im Tertiär über die Welt der Pflanzen und Tiere ausgebreitet hat, außerhalb der Biosphäre und über sie hinüber“ (Teilhard 1955); sie war für ihn ein Übergangszustand zwischen dem nicht reflexi­ven Leben und dem „Omega-Punkt“, einem jenseits von Raum und Zeit liegenden psychischen Zentrum tief in unserem Bewusstsein, zu dem hin sich die Noosphäre als letzte Stufe der Evolution ent­wickeln werde. Durch die Noosphäre wird die gesamte Biosphäre in einen neuen Zustand umgewandelt; das Denken durchdringt und transformiert sie so vollständig, wie zuvor die vorbiologischen Sphären durch das Leben durchdrungen und transformiert wurden. Bewusstsein war nach Teilhard von Anfang an in der Materie, aber noch unbewusst, als „Innenseite“ der materiellen Welt, und hat sich im Lauf der Evolution entfaltet. Im Menschen erreicht diese Entfal­tung ihren Höhepunkt, und durch die Tätigkeit des Menschen wer­den der gesamte Planet und die Materie „vergeistigt“ (spirituali­

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siert). Dieser Prozess würde auch dazu führen, dass sich die vie­len individuellen Bewusstseine durch globale Kommunikation und Kooperation zu einem einzi­gen planetaren Bewusstsein, dem „Geist der Erde“, vereinigen, ein Prozess, den er die „Planetisie­rung des Menschen“ nannte. Die letzte Stufe der Evolution besteht nach Teilhard in einer Ablösung der Intelligenz von ihrer mate­riellen Matrix und in der Ent­wicklung eines reinen Bewusst­seinsfelds.

Wernadskijs Konzept der Noo­sphäre scheint sich fundamental von demjenigen Teilhard de Char­dins zu unterscheiden. Sein Ausgangspunkt war die Feststellung, dass der Mensch im Begriff ist, zu einer mächtigen geologischen Kraft zu werden, indem er das gesamte Gesicht des Planeten und der Natur umgestaltet (Lapo 1987). Er züchtet neue Pflanzen und Tiere, entnimmt der Erde Millionen Tonnen von Rohstoffen und führt diese in den Kreislauf des Lebens ein. Man kann, als Bei­spiel für die Noosphäre im Sinne Wernadskijs, zwei Arten von vom Menschen geschaffenen künstlichen Landschaften unterscheiden, die Agrosphäre und die Technosphäre:

! Agrosphäre: Felder, Pflanzungen, Gärten, Gewächshäuser, Wei­den, Haine, Parks, Fischkulturen etc.

! Technosphäre: alle durch den Menschen geschaffenen Gegen­stände der materiellen Kultur, die vom Menschen „in die Natur hi­neingebaut“ wurden: Fabriken, Flugplätze, Häfen, Straßen, Sport­stadien, öffentliche Gebäude, Wohnhäuser etc.

Wernadskij versteht im Gegensatz zu Teilhard unter der Noo­sphäre nicht einen neuen, separaten räumlichen Bereich bzw. ein entsprechendes Feld, sondern eine neue Phase der Biosphäre, in der diese durch den bewussten Menschen aktiv umgestaltet wird.

Für Wernadskij ist der Mensch ein Teil der Biosphäre, in der er eine bestimmte Funktion hat, nämlich die Schaffung und Entwick­lung der Noosphäre als Krönung der gesamten Entwicklung der Erde; gleichzeitig ist die Noosphäre der spezifische Lebensraum des Menschen. Wernadskij sah den Haupttrend der Entwicklung der Noosphäre in der Optimierung der menschlichen Lebensbedin­gungen. Die zentrale Rolle dabei kommt, wie Wernadskij in sei­nem Buch „Wissenschaftliches Denken als planetares Phänomen“ (1937–38) ausführte, dem wissenschaftlichen Denken zu, das er als die Haupttriebkraft für diese Transformation der Erde ansah. Durch geplante, systematische Aktivität werde der Mensch die Na­tur meistern, eine gerechte Verteilung des Wohlstandes erreichen und schließlich werde sich eine geeinte Menschheit entwickeln.

Wernadskij und die Prijutino-Bruderschaft

Soweit Wernadskijs Konzept der Noosphäre, wie es seine schrift­lichen Aussagen wiedergeben und seine naturwissenschaftlichen Interpreten darstellen. Es gibt jedoch Hinweise, dass diese Inter­pretation möglicherweise nicht seine vollen Intentionen wieder­gibt und er doch Teilhards Ideen näher stand, als es auf den ersten Blick den Eindruck macht. Oft wird ja angenommen, dass nur Teil­hard in der Noosphäre eine Art Feld gesehen hat, das sich durch die Geistestätigkeit der Menschheit entwickelt, während sich die Noo­sphäre für Wernadskij nur auf das Materielle bezogen habe. Wie der vor kurzem bekannt gewordene Hintergrund von Wernadskijs Noosphäre-Konzept zeigt, war jedoch auch seine Motivation als Mensch und als Wissenschaftler letztlich nicht nur eine ganzeit­liche, sondern deutlich eine spirituelle, wenn er dies auch, vor al­lem unter der kommunistischen Herrschaft, nicht allzu sehr in den Vordergrund rücken durfte. Wernadskijs Konzept der Noo­sphäre gründet nämlich letzt­lich in der Mitgliedschaft des Wissenschaftlers in einer spiri­tuellen Gemeinschaft, der „Pri­jutino-Bruderschaft“, die fast 60 Jahre lang, von 1886 bis 1941, existierte (Borisov, Perchenok & Roginsky 1993). Es war vor allem die praktische Erfahrung aus seinem Leben in der Bruder­schaft, aus der das Konzept der Noosphäre entstand.

Die Prijutino-Bruderschaft war von den Ideen der russischen „Slawophilen“-Bewegung sowie der Bewegung des „Kosmismus“ inspiriert. Slawophile und „West­ler“ waren die beiden Hauptströmungen in der heftigen Auseinan­dersetzung über die historische Rolle der russischen Kultur, die im frühen 19. Jahrhundert in Russland geführt wurde. Während die Westler der russischen Vergangenheit keinerlei Beitrag zur Welt­kultur zugestanden, waren die Slawophilen überzeugt, dass die rus­sische Vergangenheit wichtige Werte enthielt, zu denen vor allem das orthodoxe Christentum gehörte. Ein weiteres Kennzeichen des Slawophilismus war eine scharfe Kritik an der damaligen sozialen Realität in ihrem Land. Einer der führenden Denker dieser Bewe­gung war Alexei Stepanowitsch Chomiakow (1804–1860), der mit seinem Konzept des „Sobornost“ bis heute einen großen Einfluss auf die orthodoxe Kirche und die russische Spiritualität hat (Kho­miakov & Kireevsky 1998). Mit „Sobornost“ (von russisch sobrat’, sammeln, versammeln, vereinigen) bezeichnete Chomiakow eine spirituelle Gemeinschaft, die freiwillig und aus Liebe zusammen lebt und keine äußere Autorität über sich kennt, aber auch keine individualistische Vereinzelung; der Begriff bezeichnet auch den Zustand geistiger und seelischer Einheit, den wir mit „ein Herz und eine Seele“ meinen und bezieht sich auf den Bibelausspruch „wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mit­ten unter ihnen“ (Mt 18,20). Nach Chomiakow sind Menschen und Dinge im Zustand von Sobornost durch eine Art Energiefeld ver­bunden, das den gegenseitigen nonverbalen Austausch (die Kom­munion) von Sein, Erfahrung und Wissen übereinander vermittelt; dadurch macht Sobornost „integrales Wissen“ möglich.

Das Konzept der Sobornost spielte eine zentrale Rolle in den un­terschiedlichsten sozialen und philosophischen Bewegungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Russland. Die Idee der Bru­derschaft und einer „neuen lebendigen Gemeinschaft“ war z.B. die Inspiration für Fjodor M. Dostojewskijs (1821–1881) Hauptwerk „Gebrüder Karamasow“. Während der Entstehung dieses Romans beschäftigte sich Dostojewskij auch intensiv mit den Ideen von Ni­kolai F. Fjodorow (1828–1903), dem Begründer der „Kosmismus“-Bewegung, der zur selben Zeit an einem Manuskript mit dem Titel „Das Problem der Bruderschaft oder verwandtschaftlichen Nähe, und der Ursachen für den unbrüderlichen, beziehungslosen, oder unfriedlichen Zustand der Welt, und der Mittel zur Wiederherstel­lung der verwandtschaftlichen Nähe“ arbeitete (Fjodorow 1965). Später entwickelte er seine „Philosophie der gemeinsamen Auf­gabe“ (Fjodorow 1906–1913), in der er darlegte, dass die Vereini­gung der „Brüder“ die Überwindung aller Ungerechtigkeit und al­len Leidens und der Erlösung und Transformation der natürlichen Welt – einschließlich des Menschen selbst – möglich machen wer­de. Dann werde das Universum durch die Aufbietung allen wissen­schaftlichen und technischen Wissens und Könnens in das Kunst­werk eines perfekten Paradieses verwandelt werden können. Vor dem Hintergrund dieser utopischen Vision entwickelte Fjodorow

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Links: Die aufgrund der Urbanisierung erweiterte Mündung des Betsiboka in Madagaskar; rechts: Koralle.

PHILIP ROSENBERG

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eine Vielzahl von technischen Projekten, von der Kontrolle und Regulation atmosphärischer Pro­zesse und der Erschließung neuer Energiequellen bis zur Umwand­lung der gesamten Erde in ein riesiges Raumschiff, mit dem die Menschheit das Weltall durch­queren und andere Planeten be­siedeln könnte. Der „Kosmismus“ wurde in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer brei­ten intellektuellen Bewegung im Russland der Nachwendezeit, die ein ganzheitliches, anthropozen­trisches Weltbild sowie die Auf­fassung vertrat, dass das Univer­sum als Ganzes und mit ihm die Menschheit eine sinnhafte Hö­herentwicklung in Richtung eines kollektiven planetaren Bewusst­seins, einer „Noosphäre“ durchmacht (Hagemeister 1997).

Einen weiteren Einfluss auf die Prijutino-Bruderschaft bildeten die Erfahrungen der amerikanischen und englischen Kommunen von William Frey. Frey, ein ehemaliger russischer Aristokrat, des­sen ursprünglicher Name Wladimir K. Geins war, hatte 1871 in Cedar Vale im amerikanischen Bundesstaat Kansas die utopische Kommune „Progressive Colony“ gegründet. Er gab den letzten An­stoß zur Gründung der Prijutino-Bruderschaft am 7. Januar 1886. Wie Frey, so wollten auch die Prijutinianer die Idee der Sobornost in die Praxis umsetzen – die einzigen bekannten nicht-kirchlichen Beispiele eines solchen Versuchs. In ihrer Anfangsperiode war die Bruderschaft vor allem damit beschäftigt, die Gruppe in eine „kol­lektive Persönlichkeit“ zu verwandeln und ihre spirituelle Zielrich­tung zu schmieden. Dies geschah, indem man alles, was man fühl­te, erlebte und dachte, in intensiven Gesprächen und Briefwechseln miteinander teilte, sowohl Arbeit wie auch Privates. Die besondere Natur der entstehenden Gemeinschaft erfuhr so, wie sie von den einzelnen Mitgliedern erlebt wurde, eine ständige Reflexion und Manifestation. Verschiedene Vorschläge wurden diskutiert, wie man durch diese oder jene Lebensweise die „Sobornost“ einschließ­lich des gemeinsamen Zusammenlebens sichern könne.

Wernadskij selbst trug die Prinzipien der Bruderschaft auch in die verschiedenen wissenschaftlichen Gruppierungen hinein, die er gründete oder denen er angehörte, in seine mineralogischen, geo­chemischen und biogeochemischen Schulen, das Radium-Institut und in die wissenschaftlichen Akademien der Ukraine und der UdSSR. Wenn auch in der letzten Phase der Bruderschaft (1917–1941) das Ziel, sie zu einer einflussreichen nationalen Größe zu machen, nicht erreicht wurde, so hatte sie doch in diesem wissen­schaftlichen Rahmen einen großen Einfluss. Die Bruderschaft bil­dete mit ihrer praktisch gelebten Erfahrung ein Modell und einen ersten Kern für die soziale Organisation der Noosphäre, wie sie auch eine der wichtigsten Quellen von Wernadskijs „wissenschaft­lichem Glauben“ war, der die Grundlage dieses Konzepts bildete.

Der Overview-Effekt

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Entstehung der modernen Ökologiebewegung hatten auch die ersten vom Welt­raum aus fotografierten Bilder der Erde, die in den 60er-Jahren von Astronauten aufgenommen wurden. Der berühmte englische Mathematiker und Astrophysiker Sir Fred Hoyle (1915–2001) sagte schon 1948 voraus: „Wenn einmal eine Photographie der Erde, von außen aufgenommen, zur Verfügung steht, dann wird eine neue Idee in die Welt gesetzt, die so mächtig sein wird wie kaum eine andere in der menschlichen Geschichte“ (Myers 1984). Diese Wir­kung des ersten Anblickes unseres Heimatplaneten aus kosmischer, außerirdischer Perspektive auf den Menschen nannte der ameri­kanische Autor Frank White den „Overview-Effekt“ (White 1989).

Nachdem am 4. Oktober 1957 mit dem russischen Sputnik der erste vom Menschen hergestell­te Flugkörper in den Weltraum vorgedrungen war, umrundete am 4. Dezember 1961 der rus­sische Kosmonaut Yuri Gagarin in der Raumkapsel Wostok 1 als erster Mensch die Erde und er­blickte für 100 Minuten unseren Planeten zum ersten Mal von außen und als Ganzes. Das erste Weltraumbild unseres Planeten war die am Mondhimmel auf­gehenden Erde, das der amerika­nische Photo- und Mess-Satellit Lunar 1 im Jahr 1966 von seiner Mondumlaufbahn funkte. In kürzester Zeit stieg der „blaue Planet“ zum gefeierten Foto-Objekt auf und wurde sehr schnell zur „Iko­ne unseres Zeitalters“ (Sachs 1994). Lange bekam man jedoch nur Bilder von Ausschnitten zu sehen. 1966 startete Stewart Brand, der von der immensen mythischen Wirkung einer solchen Veröffentli­chung überzeugt war, eine Kampagne mit dem Ziel, die NASA zur Freigabe von Bildern der ganzen Erde zu bewegen: „Wir haben nie das ganze Mandala gesehen.“ 1968 veröffentlichte er seinen erfolg­reichen „Whole Earth Catalog“, dessen Umschlag erstmals das be­rühmte farbige Bild der vollständigen Erdkugel zeigte. Der ameri­kanische Mythenforscher Joseph Campbell war einer der wenigen, die damals schon voraussahen, in welchem Ausmaß und wie tief die kosmische Perspektive unseres Heimatplaneten unser Bewusst­sein verändern würde; er schrieb 1972: „Die Mondlandung hat das menschliche Bewusstsein in einem Grade und auf eine Art und Weise transformiert, vertieft und erweitert, dass dies der Eröffnung eines neuen spirituellen Zeitalters gleichkommt“ (White 1989).

In dieser Zeit entstand auch eine breitere Umwelt- bzw. Öko­logiebewegung, ausgelöst durch das Erscheinen des Buches „The Silent Spring“ der amerikanischen Meeresbiologin Rachel Carson (1907–1964) im Jahr 1962, das den blinden Einsatz von Pestiziden anprangerte; es war das erste Mal, dass jemand mit großer öffent­licher Wirkung die negativen Seiten des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts bewusst machte. Das bis heute immer wie­der aufgelegte Buch machte die Umweltbewegung wissenschaftlich respektabel und führte auch den Begriff „Ökosystem“ ein. Einige von Carsons Überlegungen nahmen auch bereits die Haltung der späteren „Tiefenökologie“ und „Ökopsychologie“ vorweg, wurden jedoch zunächst nicht aufgegriffen. Die Umweltbewegung schlug vielmehr eine andere, mehr technokratische Richtung ein. Selbst in Weiterentwicklungen von systemischen Ansätzen, wie sie z.B. der Ökologe George Evelyn Hutchinson vorantrieb, wurde die Na­tur eher als eine große, sich selbst regulierende Maschine gesehen. Das änderte sich erst in den 80er- und 90er-Jahren, in denen das Konzept der Biosphäre unter dem Einfluss der „Gaia-Theorie“ wei­terentwickelt wurde.

Die Gaia-Theorie und das anthropische Prinzip

Als der englische Atmosphärenwissenschaftler James Lovelock und die amerikanische Mikrobiologin Lynn Margulis 1972 das damals noch als „Gaia-Hypothese“ bezeichnete Konzept einführten (Love­lock 1972; Lovelock & Margulis 1974), wussten sie nichts von Wer­nadskijs Arbeit, und keiner ihrer Kollegen wies sie auf die Arbeit ihres russischen Kollegen hin, von der sie erst in den 80er-Jahren erfuhren (Lovelock 1984).

In Margulis’ eigenen Worten besagt die Gaia-Hypothese, dass „es die Aktivitäten der Lebewesen sind, welche die Bedingungen auf der Erdoberfläche regulieren. Insbesondere wird die Erdatmosphäre

NELE HYSIER

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in einem Zustand fern des che­mischen Gleichgewichts in Be­zug auf ihre Zusammensetzung aus reaktionsfreudigen Gasen, ihren Redox-Zustand, ihr Säu­ren-Basen-Gleichgewicht, ihre Albedo [Reflexion der kosmi­schen Strahlung durch die Erd­oberfläche, Anm.d.Red.] und ihre Temperatur gehalten. Diese Umwelthomöostase kommt zu­stande durch das Wachstum und die Stoffwechselaktivitäten der Gesamtheit der Organismen der Biosphäre“ (Joseph 1990). Wäh­rend sich diese Regulation durch das Leben nach Margulis auf die Erdoberfläche und die Atmosphä­re beschränkt, geht Lovelocks Vision von Gaia über die Erdoberflä­che hinaus. Für ihn erstreckt sich die Aktivität der Biosphäre durch die gesamte Lithosphäre bis zum flüssigen Kern der Erde; er sieht Gaia als den gesamten Planeten.

Nach der herkömmlichen ökologischen Sichtweise sind die Le­bewesen abhängig von den geophysikalischen und geochemischen Umweltbedingungen (Land, Ozeane, Atmosphäre), die durch die Aktivität der Lebewesen allenfalls geringfügig verändert werden. Die Hauptthese der Gaia-Theorie lautet jedoch, dass die Organis­men durch ihre vielfach verflochtene und koordinierte Aktivität entscheidende Eigenschaften der Lithosphäre, der Hydrosphäre und der Atmosphäre regulieren. Die Lebewesen schufen sich selbst im Lauf der Evolution jene Art von Umwelt, in der das Leben entste­hen und gedeihen konnte, und sorgen heute noch dafür, dass die Umwelt für das Leben gastlich bleibt, indem sie die Temperatur auf der Erde, den Sauerstoffgehalt der Atmosphäre und den Salzgehalt der Ozeane sowie andere Faktoren kontrollieren.

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der amerikanische Biochemiker und Physiologe Lawrence J. Henderson (1878–1942) in seinem Buch „The Fitness of the Environment“ (1913) darauf hingewiesen, dass die anorganischen Umweltbedingungen auf der Erde genau auf die Entstehung des Lebens abgestimmt sind (Bischof 2003). Er zog den Schluss, dass in der Natur eine Art Ordnung oder zielgerichtete Entwicklung (Teleologie) existieren müsse und dass diese Ordnung nicht mechanistisch erklärt werden könne.

Ähnliche, aber noch viel weiter gehende Vorstellungen gibt es heute unter dem Namen des „Anthropischen Prinzips“ in der phy­sikalischen Kosmologie (Breuer 1918; Barrow & Tipler 1986). Be­reits seit langem war es Physikern und Astronomen aufgefallen, dass das physikalische Universum keine zufällige Ordnung besitzt, sondern mit der Existenz des Menschen vereinbar ist. In den letz­ten Jahrzehnten haben die Wissenschaftler unzählige physikalische Konstanten mit genau den Werten gefunden, die für das Leben, und insbesondere auch für menschliches Leben, notwendig sind. Diese Erkenntnis veranlasste 1973 den Astrophysiker Brandon Carter, in einer berühmten Rede anlässlich eines Kongresses der Internatio­nalen Astronomischen Union zum 500. Geburtstag von Nikolaus Kopernikus für diesen Sachverhalt den Begriff des „Anthropischen Prinzips“ zu prägen. Brandon war natürlich bewusst, dass seit der kopernikanischen Revolution der wissenschaftliche Grundsatz gilt, dass dem Menschen nicht mehr, wie im mittelalterlichen religiö­sen Weltbild, eine bevorzugte Stellung im Universum zukommt. Er argumentierte jedoch, dass offensichtlich für unsere Existenz be­stimmte Bedingungen notwendig seien, die nur an bestimmten Or­ten im Universum und in bestimmten Phasen der physikalischen Evolution eintraten. In Carters Formulierung ist deshalb unsere Lokalisierung im Universum notwendigerweise privilegiert, indem sie mit unserer Existenz als Be­obachter kompatibel ist (Carter 1974).

Seither haben sich eine Reihe verschiedener Versionen des An­thropischen Prinzips (AP) entwi­ckelt (Breuer 1981):

! Schwaches AP (1961 vorge­schlagen von Robert H. Dicke): Weil es im Universum bewuss­tes Leben gibt, muss das Univer­sum Eigenschaften besitzen, die die Existenz bewussten Lebens zulassen.

! Starkes AP (SAP, 1973 vor­geschlagen von B. Carter) geht noch weiter: Das Universum muss in seinen Gesetzen und in seinem Aufbau so beschaffen sein, dass es irgendwann unweigerlich bewusstes Leben hervor­bringt; d.h. bewusstes Leben ist eine physikalische Notwendigkeit und spielt eine zentrale Rolle im Universum.

! Partizipatorisches AP (PAP, 1977 vorgeschlagen von John Archi­bald Wheeler): Bewusstes Leben ist notwendig für die Entwicklung des Universums.

! Finales AP (FAP, 1986 von Frank J. Tipler vorgeschlagen): Da bewusstes Leben für das Universum notwendig ist, sorgt dieses da­für, dass es nie wieder verschwindet.

Die Theorie des Anthropischen Prinzips war von Anbeginn an heiß umstritten, was inbesondere für SAP, PAP und FAP gilt.

Der Umweltbegriff Jakob von Uexkülls

Neben den Biosphären- und Noosphären-Konzepten und der Gaia-Theorie trugen eine ganze Reihe von weiteren Bewegungen zum heutigen ganzheitlichen Ansatz des Umweltdenkens bei, zu de­nen auch die verschiedenen Richtungen der Umweltpsychologie, Ökophilosophie und Tiefenökologie und schließlich die „Ökopsy­chologie“ gehören. Als Ursprung des besonderen Umweltverständ­nisses dieser Denkschulen darf der Umweltbegriff gelten, den der baltische Zoologe Jakob von Uexküll (1864–1944) geschaffen hat. Im Gegensatz zu Haeckel, der in seiner Definition der Umwelt nur materielle und „objektive“ Faktoren berücksichtigte, bezog Uexküll die subjektive Bedeutung der Umwelt ein; er wurde damit zum Be­gründer einer zweiten Phase der Ökologie.

Der deutsche Begriff „Umwelt“ entstand im 19. Jahrhundert durch Übersetzung des dänischen Wortes omwerden, das der dä­nische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Jens Baggesen (1764–1826) geprägt hatte (Mollenhauer 1985/96). Baggesen hat­te in der Zeit um 1800 beobachtet, dass das bis dahin im gleichen Sinn benützte Wort „Milieu“ seine Kontur verlor, und stattdessen den Begriff „Umwelt“ vorgeschlagen. Er bezog das Wort jedoch auf das kulturelle Dasein des Menschen im Sinne einer subjektbezoge­nen Umgebung. In dieser Bedeutung fand es auch Eingang in die Biologie durch die „Umweltlehre“ Jakob von Uexkülls.

Uexküll, ein Pionier der Verhaltensforschung, wies darauf hin, dass für das konkrete Leben der Lebewesen weniger die „objekti­ve“ und die physikalische „Umgebung“ eine Rolle spielte, sondern die Bedeutung der „Umwelt“. Er zeigte in seinen Werken „Umwelt und Innenwelt der Tiere“ (1909) und „Streifzüge durch die Umwel­ten von Tieren und Menschen“ (1956), dass jedes Lebewesen eine andere Umwelt hat; der Ausschnitt aus der gesamten Umgebung, der auf dieses Lebewesen wirkt (Wirkwelt) und den es sich merken kann (Merkwelt), d.h. zu dem es eine Beziehung hat, ist bei jedem Lebewesen (jeder Art) anders und von der Körperorganisation ab­hängig – diese wiederum ist auf die Umwelt des Tieres abgestimmt. Die Dinge in der Umwelt des Tieres (des Menschen) besitzen eine bestimmte Wertigkeit (Valenz) in seinem Leben; diese Wertigkeiten

FOCUS: NATUR NEU VERSTEHEN

Links: Borke eines Ahorn-Baumes; rechts: Die Oberfläche menschlicher Fingernägel unter dem Mikroskop.

ANDREW SYRED

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sind in der tierischen Innenwelt als „Erlebnistöne“ repräsentiert. Umwelt und Lebewesen bilden eine Ganzes; auch seine Um­welt gehört zum Organismus jedes Lebewesens. Das Tier (der Mensch) gestaltet seinen subjek­tiven Raum und seine subjektive Zeit aktiv, indem es die für ihn bedeutsame Wirk- und Merkwelt aus der Umgebung ausgliedert. Uexkülls Umweltbegriff ist also ein Beziehungsbegriff, der vor allem die subjektiven, psycho­logischen Aspekte der Umwelt betont. Zunächst geriet Üexkülls Definition jedoch unter heftigen Beschuss von Wissenschaftlern. Seine Vorstellungen wurden in der Folge aus der Ganzheitsbiologie wieder in die analytische Bi­ologie „heimgeholt“ und in ein kausal-analytisch handhabbares Konzept zurückverwandelt (Mollenhauer 1985/86), das seine Ver­wendung im Rahmen eines technologisch orientierten „Umweltma­nagements“ erlaubte.

Die Umweltpsychologie

Erst in der Umweltpsychologie oder ökologischen Psychologie, die sich Ende der 60er-Jahre in den USA entwickelte und in den 70er- und 80er-Jahren nach Deutschland importiert wurde, wurde das Umweltkonzept von Uexküll wieder aufgegriffen und weitergeführt (Ittelson et al. 1977; Miller 1986, 1998). Die Umweltpsychologie ist eine interdisziplinäre Wissenschaft; sie führt die das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt betreffenden Aspekte verschiedener Wissenschaftszweige zusammen – nicht nur aus Psychologie und Ökologie, sondern auch aus Philosophie, Soziologie, Ethnologie und Anthropologie, Geographie, „Human-Ökologie“, Architektur, Design etc. Die konventionelle Umweltpsychologie ist jedoch weit­gehend zu einer anwendungsorientierten, technokratischen Hilfs­wissenschaft von Planung und Architektur geworden, welche die Wirkung der gebauten Umwelt auf den Menschen und sein Ver­halten in Reaktion auf diese Umwelt erforscht. Andere Richtungen, wie z.B. die phänomenologische Umweltpsychologie und Geogra­phie, legten jedoch die Grundlagen für ein anderes umweltpsycho­logisches Verständnis, die Basis der späteren Ökopsychologie.

Einer der Begründer der Umweltpsychologie war der deutsche Arzt, Politiker und Professor der Sozialpsychologie Willy Hellpach (1877–1955), der auch einer der Pioniere der Biometeorologie war und beide Ansätze aus einem interdisziplinären Verständnis der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt entwickelte (Bischof 2003). Er stellt dies zunächst in seinem berühmten Buch „Die geo-psychischen Erscheinungen“ (1911) dar, das viele Auflagen (von der 5. Auflage an unter dem Namen „Geopsyche“) erlebte. Nach Hellpach hat bereits die natürliche Umwelt von Wetter, Klima, Bo­den und Landschaft neben den sinnlich wahrnehmbaren Einflüssen wie Wärme, Kälte, Wind, Regen, Sturm, Düsternis und Helligkeit auch so genannte „tonische“ Wirkungen. Sie gehen von Faktoren wie Luftdruck, Luftelektrizität, schwachen Luftdruckschwankun­gen usw. aus, die einen meist unbewusst bleibenden, aber starken Einfluss auf unseren Lebenstonus, unsere Vitalität, Frische oder Schlappheit, Handlungsbereitschaft und Stimmung haben. In sei­ner „Umweltpsychologie“ (1924) trat Hellpach dafür ein, dass diese Einflüsse in die Sozialpsychologie aufgenommen werden sollten.

Der Begriff einer „Humanökologie“ geht auf den amerikanischen Geographen Ellsworth Huntington (1876–1947) zurück, ebenfalls ein Pionier der Biometeorologie, der ihn 1916 prägte und 1921 eine Forschungsarbeit am U.S. National Research Council über das „all­gemeine Studium der menschlichen ökologischen Beziehungen“ initiierte, in dem Gesundheit als eine Konsequenz der komplexen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt betrachtet wird. Diese Faktoren schließen, neben den damals das medizi­nische Denken beherrschenden Mikroben, Einflüsse von Wet­ter und Klima, soziale und wirt­schaftliche Lebensbedingungen und die Art der Gesundheits­versorgung ein. Die eigentliche Humanökologie wurde durch das Werk „Human Ecology“ be-gründet, das der südafrikanische Botaniker und Ökologe John William Bews (1884–1938) im Jahr 1935 veröffentlichte und in dem neben Huntingtons Ideen auch die holistische Philosophie des südafrikanischen Botanikers und Staatsmanns Jan Christiaan Smuts (1870–1950) und die hip­pokratisch-ganzheitlichen Forschungen und Konzepte des Chica­goer Mediziners William F. Petersen (1887–1950) einflossen.

Die phänomenologische Umweltpsychologie

Von großer Bedeutung war auch die Phänomenologie, die zur He­rausbildung einer eigenen phänomenologischen Richtung in der Umweltpsychologie geführt hat. Sie geht zurück auf das Werk des Philosophen Edmund Husserl (1859–1938) und hat sich in drei Richtungen weiterentwickelt. Man unterscheidet

! die transzendentale oder reine Phänomenologie (Husserl),

! die hermeneutische Phänomenologie (Paul Ricoeur, Hans-Georg Gadamer) sowie

! die existentialistische Phänomenologie (Martin Heidegger, Mau­rice Merleau-Ponty, Alfred Schütz). Letztere ist vor allem wichtig für die Umweltpsychologie.

Die Phänomenologie strebt danach, die Wirklichkeit so zu be­schreiben, wie sie erlebt wird, ohne vorgefasste Meinungen und Vorstellungen, und zwar so, wie sie von einem ganzheitlich wahr­nehmenden Menschen tatsächlich erfahren wird. Die Phänome­nologen untersuchen, vergleichbar mit Uexkülls Ansatz, die Um­welt- und geographischen Aspekte der „Lebenswelt“, d.h. der im alltäglichen Verhalten, meist unbewusst, ausgedrückten Beziehun­gen der Menschen zueinander und zur Umwelt. Das von Husserl seit 1900 entwickelte Konzept der Lebenswelt steht also für eine Realität, in der Selbst und Außenwelt verflochten sind und eine ge­meinsame „subjektive Objektivität“ bilden. Für Husserl ist „Welt­bewusstsein zugleich Selbstbewusstsein: Bewusstsein seiner selbst als in der Welt seiend“. Wie der amerikanische Ökopsychologe Da­vid Abram in seinem wichtigen Werk „The Spell of the Sensuous“ schreibt, „strukturiert die Lebenswelt unbewusst alle unsere tägli­chen Handlungen und Verhaltensweisen, auf sie bauen wir, ohne dass wir uns ihrer bewusst sind. Es ist keine private, individuelle Dimension, sondern eine kollektive, gemeinschaftliche Dimension, das gemeinsame Feld unseres eigenen Lebens und desjenigen aller anderen Menschen, mit denen unseres verknüpft ist. Die Lebens­welt ist von großer Vieldeutigkeit, Offenheit und Unbestimmtheit, da unsere Erfahrung dieses Feldes immer von unserer Situation in­nerhalb des Feldes abhängt, in der wir uns gerade befinden“ (Ab­ram 1996). Im Zentrum der phänomenologischen Betrachtungswei­se steht somit das menschliche Erleben bzw. die Erfahrung, und es werden folgende Fragen gestellt:

! Auf welche Art nehmen wir Menschen Beziehungen auf, nehmen wir Kontakt auf und verhalten wir uns in der Welt?

! welches sind die wesentlichen Charakteristiken der menschlichen Lebenswelt, und wie vergleichen sich diese mit den Lebenswelten anderer Lebensformen, z.B. Tieren?

ANSELM SPRING

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Dabei spielt das Konzept der „Intentionalität“ eine Schlüssel­rolle: alle unsere Impulse und Handlungen existieren nicht um ihrer selbst willen, sondern sind immer auf etwas hin gerichtet. Während die konventionelle Umweltpsychologie den Men­schen in erster Linie als kogni­tives Wesen behandelt, d.h. als Erkennenden und Denkenden, berücksichtigt die Phänomeno­logie auch andere Dimensionen der Intentionalität, wie z.B. die Emotionen und die Körpererfah­rung. Die Phänomenologen ver­meiden den cartesischen Dualismus von Körper und Geist zum Teil dadurch, dass sie andere Bewusstseinsweisen und -zustände neben dem rationalen Erkennen, besonders auch die Körpererfahrung, einbeziehen.

Phänomenologen wie Maurice Merleau-Ponty, Eugène Min­kowski, Otto F. Bollnow und Herbert Plügge haben den „erlebten (oder gelebten) Raum“ – d.h. den Raum, wie er vom Menschen erfahren wird, den Raum mit Bedeutung für den Menschen – er­forscht und festgestellt, dass dieser keineswegs dem euklidischen, homogenen und qualitätslosen Raum der klassischen Physik ent­spricht. Der „gelebte Raum“ ist alles andere als homogen (gleich­mäßig) und qualitätslos; er besitzt Struktur und ist mit Bedeutung „besetzt“ und geladen. Diese Struktur ist außerdem nicht konstant; so ist der nächtliche Raum sehr verschieden vom Tagesraum; nach Bollnow ist der Nachtraum dem Erleben des archaischen Menschen nahe und bildet die Basis, auf der sich der Tagraum und andere Formen der erfahrenen Räumlichkeit entwickeln (Bollnow 1963).

Einige Aspekte der Phänomenologie des räumlichen Erlebens, die besonders für die Geomantie interessant sind, hat der ameri­kanische Ethnologe Edward T.Hall in den 60er-Jahren erforscht und zum Forschungsgebiet der „Proxemik“ entwickelt (Hall 1976). Es betrifft in erster Linie das räumliche Distanzverhalten des Men­schen, das sich als stark kulturell bedingt erweist. Bei Tieren kennt man das gut: Wenn Ratten zu eng beeinander leben müssen, wer­den sie erst aggressiv und gehen schließlich zugrunde. Hall zeigt, dass auch beim Menschen Distanzen, Reviere, Bevölkerungsdich­te etc. das soziale Verhalten bestimmen. Nach Hall existieren be­stimmte Gesetze, die unsere Kommunikation im Raum regeln, eine „Grammatik der Raum-Sprachen“. Neben gattungsspezifischen Be­dingungen, die das Sehen, das Einander-Riechen oder die Haut- und Blickkontakte regeln, gibt es auch kulturelle Unterschiede. Ja­paner empfinden den Raum anders als Europäer, Araber nehmen in Gesprächen andere Positionen ein als Südeuropäer usw.

Ökophilosophie und Tiefenökologie

Ein neues umweltpsychologisches Verständnis, das sich sowohl von der konventionellen Umweltpsychologie wie auch von der phäno­menologischen Umweltpsychologie wesentlich unterscheidet, ent­wickelte sich in den 80er-Jahren. Ansätze für diese Denkrichtung finden sich bereits in der Frühzeit der Ökologiebewegung. Schon Rachel Carson hatte darauf hingewiesen, dass die Menschheit zur Lösung der ökologischen Probleme nicht so sehr bessere techno­logische Lösungen brauche, sondern ein gründliches Durchdenken unserer Haltungen in Bezug auf den Platz des Menschen im grö­ßeren Zusammenhang der Dinge (Carson 1962). Sie nahm auch bereits Gedanken der späteren „Tiefenökologie“ vorweg, wenn sie schrieb, das Reden von einer „Kontrolle der Natur“ zeuge von einer unglaublichen Arroganz, die auf die Neandertaler-Zeit von Biolo­gie und Philosophie zurückgehe, als man noch davon ausgegan­gen sei, dass die Natur für die Bequemlichkeit des Menschen da sei. Ein paar Jahre später drück­te der Historiker Lynn White, jr. dieselbe Ansicht in seinem be­rühmten und heftig umstrittenen Artikel „The Historical Roots of our Ecological Crisis“ (1967) aus. White stellte einen Zusammen­hang her zwischen der ökologi­schen Krise und dem extremen Anthropozentrismus der christli­chen Religion mit ihrem Dogma der rechtmäßigen Herrschaft des Menschen über die Natur (White 1967). Die Lösung der ökologi­schen Probleme liege aber nicht in der Aufgabe von Religion an sich, sondern in der Aufgabe der anthropozentrischen Vorstellungen über die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Die Religion müsse in der Richtung der alterna­tiven christlichen Sicht der Beziehung zwischen Mensch und nicht­menschlicher Welt des Franz von Assisi gehen. Die Diskussion, die diese und ähnliche Pioniere angestoßen haben, führte in den 70er-Jahren zur Entstehung einer ökologischen Philosophie, in der die Frage der Anthropozentrik eine zentrale Rolle spielte. Zu dieser Zeit wiesen eine Reihe von Autoren darauf hin, dass die Umwelt­bewegung vor einer grundlegenden Weichenstellung stand. Sollte sie „Umweltschutz“ bleiben, d.h. eine noch raffiniertere Methode des „Umwelt-Managements“ und der Ressourcen-Verwaltung, also der Herrschaft des Menschen über die Natur werden – oder sollte sie wirklich eine echte Ökologie, d.h. eine „Philosophie der Wech­selbeziehung und der Ganzheit der Welt“ werden?

Bei der Entstehung der Ökophilosophie spielte von Anfang an ein Ansatz eine führende Rolle, der heute unter dem Namen „Tiefenö­kologie“ bekannt ist, und 1972 von dem norwegischen Bergsteiger und Philosophen Arne Naess (geb. 1912) und von seinem Kollegen Sigmund Kvaløy von der Universität Oslo begründet und später von den Amerikanern Bill Devall, George Sessions, Aldo Leopold und anderen weiterentwickelt wurde (Devall & Sessions 1985; Naess 1989; La Chapelle 1990; Gottwald & Klepsch 1995). Naess kriti­sierte die konventionelle Ökologie als „seichte Ökologie“, die nicht ausreichend tiefe, grundsätzliche Fragen stelle; eine wirklich tiefe Ökologie müsse notwendigerweise philosophisch sein. Außerdem dürfe sie nicht nur aus intellektuellen Einsichten des Menschen hervorgehen, sondern aus der Weisheit der gesamten Biosphäre. Naess bezeichnete seine Denkweise auch gerne als „Ökosophie“, d.h. ökologische Weisheit. Seine Kritik richtete sich in erster Linie gegen den Anthropozentrismus der konventionellen ökologischen Ansätze. Bei deren Kampf gegen Umweltverschmutzung stehe doch immer noch der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt, d.h. der Natur wird nur insofern ein Wert zugesprochen, als sie dem Menschen dient, aber nicht ein intrinsischer Wert. Tiefe Ökologie hingegen könne nicht mehr anthropozentrisch sein, denn alle Le­bensformen hätten das gleiche Recht, auf der Erde zu leben. Aldo Leopold schrieb, der technokratische Ansatz, Leben und Erde zu verstehen, sei gescheitert. Wir könnten die Natur gar nicht begrei­fen, geschweige denn kontrollieren. Nur die Erde selbst habe die Weisheit, uns zu lehren, was wir wissen müssten. Wir müssten die „Autoritäten“ studieren, die dem Ort selbst innewohnten.

Ökopsychologie

In den 90er-Jahren wurde als Synthese von Tiefen-Ökologie und transpersonaler Psychologie durch Autoren wie Warwick Fox, The­odore Roszak, David Abram, James Hillman und Joanna Macy eine „transpersonale Ökologie“ oder „Ökopsychologie“ geschaffen, die

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Links: Gewitterhimmel mit Blitzen; rechts: Gehirnzellen unter dem Raster-elektronenmikroskop.

HANK MORGAN

NATUR NEU VERSTEHEN Hagia Chora 15 | 2003 25

auf dem Weg der Einführung des Bewusstseins in die Ökologie und der Überwindung der cartesischen Trennung zwischen Außen und Innen, Mensch und Welt, noch weiter ging als die Tiefenöko­logie. Den Anfang machte der Philosoph Warwick Fox mit seinem bedeutenden Buch „Toward a Transpersonal Ecology“ (1990), der wiederum die Tiefenökologie einer fundamentalen Kritik unterzog und deutlich machte, dass Ökologie und Spiritualität zusammen­gehören (Fox 1990). Nicht die Selbstverwirklichung des Menschen dürfe Grundlage der Ökologie sein, sondern sie müsse auf der An­erkennung der Freiheit aller Wesen, sich auf ihre jeweils eigene Art zu entfalten, und auf Symbiose, Kooperation, Solidarität und Mit­fühlen mit allen Lebewesen, ja allem Existierenden, beruhen – auf der Vision der Erde als einem einzigen Organismus.

Wie Roszak schreibt, stellten anfang der 90er-Jahre Ökologen wie auch Psychologen fest, dass nicht nur die Umweltzerstörung rapide voranschreitet, sondern auch die Menschen zunehmend psy­chologisch gestört sind – es sei nun an der Zeit, den Zusammen­hang beider Tatsachen zu untersuchen (Roszak et al. 1995). Wie hängt, fragt Roszak, einerseits die Umweltzerstörung mit unserem geistigen und seelischen Zustand zusammen und damit, dass wir trotz allen Wissens über den Ernst der Situation nicht genügend zur Rettung der Natur unternehmen – und andererseits, wie steht unser desolater geistiger und psychologischer Zustand in Bezie­hung zu unserem gestörten Verhältnis zur Natur und zur Umwelt?

So verschieden auch sonst die Ansätze und Schwergewichte der Vertreter der Ökopsychologie sind, in einem sind sie sich einig: In­dividuelle geistige und seelische Heilung ist untrennbar verbunden mit der geistigen und seelischen Gesundheit der gesamten Gesell­schaft, der Gesundheit unseres Planeten und unserem Verhältnis zu Erde und Natur. Ja, darüber hinaus wird die Wurzel des Prob-lems auf einer noch tieferen Ebene gesehen: in der Beziehung der Seele und des Geistes zur natürlichen Welt. Roszak schreibt, die Psychologie sei im Lauf ihrer Geschichte immer davon ausgegan­gen, dass Psyche und Bewusstsein ihren Platz ausschließlich in der „Innenwelt“ hätten. Wer jedoch den ökologischen Grundgedanken der gegenseitigen Verflochtenheit aller Dinge ernst nehme, dürfe sich darin nicht auf die materielle Ebene, das „Außen“, beschrän­ken, sondern müsse diese Verflochtenheit auf Seele und Bewusst­sein, auf das „Innen“ ausdehnen. Das Selbst, unsere Identität, ma­che nicht an der Haut halt, ja sie beschränke sich nicht einmal auf den Kreis unserer menschlichen Beziehungen, sondern sei genauso verwoben mit dem nichtmenschlichen Leben von Pflanzen, Tieren und Erdboden, dem ganzen Kosmos. In diesem Sinne müsse man eine Delokalisierung des Bewusstseins annehmen, also eine Art „Weltseele“. Roszak zitiert Stephen Aizenstat, der von einem „Welt-Unbewussten“ spricht, das der gesamten Welt, ob belebt oder un­belebt, natürlich oder vom Menschen gemacht, eine seelische Tie­fe verleihe. Hier nimmt die Ökopsychologie auch entsprechende Gedanken auf, die vor allem in der Physik und Kosmologie in den letzten Jahren, z.B. von C.G.Jung, David Bohm, John Hagelin und Amit Goswami entwickelt worden sind: nämlich, dass das Univer­sum lebendig sei und Bewusstsein besitze, und dass das Bewusst­sein eine Art kosmisches Feld sein könnte, das möglicherweise die Grundlage der physikalischen Welt bildet. Damit kehrt die moderne Wissenschaft zurück zum alten Konzept einer Weltseele, das von der Antike bis in die Romantik des frühen 19. Jarhunderts immer wieder in Wissenschaft und Philosophie eine Rolle gespielt hat (Bi­schof 2002). Mit der Auffassung, dass die gesamte Welt lebendig, d.h. beseelt und geistbegabt (intelligent) ist, findet das ökologische Weltbild seine Vollendung; doch dieser letzte Schritt ist gleichzeitig der schwierigste für die Wissenschaft, die auf dem Fundament einer Entseelung der Welt ihr Lehrgebäude errichtet hat. 7

Den ungekürzten Artikel finden Sie auf www.geomantie.net, Suchwort „Ökologie“.

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Marco Bischof, Dipl.-Atemtherapeut, Studium Ethnologie und Religions­wissenschaften, freischaffender Wissenschaftler, Wissenschaftsautor und Berater für Grenzgebiete der Wissenschaften. Mitglied des International Institute of Biophysics, Neuss, Leiter von Future Science and Medicine, Berlin. Publikationen: „Unsere Seele kann fliegen“, „Biophotonen – Das Licht in unseren Zellen“, „Tachyonen, Orgonenergie, Skalarwellen“.

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